Ein Leben für das Schauspiel

20 Mar 2020

 Jürgen Kerns Familie, Freunde und Kollegen ließen den künstlerischen Leiter von „Klassik am Meer“ zum 80. Geburtstag hochleben – als Mutmacher in schweren Zeiten

Chemnitz und Leipzig, Gera, Berlin, Zinnowitz und Koserow sind die wohl wichtigsten Etappenorte der künstlerischen Lebensreise von Jürgen Kern. Längst ist sie nicht zu Ende, doch der studierte Schauspieler und später ins Regiefach gewechselte Künstler ist am 13. März 80 Jahre jung geworden. Zeit für eine (Zwischen-)Bilanz und vorauszuschauen.


Weil schon unter dem Damoklesschwert der Corona-Krise, war es für den Brechtianer ein großer persönlicher Glücksumstand, sein Fest gerade noch so begehen zu dürfen, wie er es sich gewünscht hatte. Mit wichtigen Wegbegleitern vom Berliner Ensemble, engen Usedomer Freunden,  Mitstreitern der zurückliegenden zwei Jahrzehnte, seiner Familie und Verehrern seiner Kunst. „Es war für mich sehr berührend, ans Herz gehend“, fand der Jubilar.


Auch sein Sohn Florian (34), einst als Ticketverkäufer bei Klassik am Meer gestartet und zuletzt Manager des Schauspielfestivals, fand das Zusammensein in Pankow „irgendwie sehr würdig“. Er hatte im Frühjahr 2019, als sein Vater schwer erkrankte, den Klassik-Dirigentenstab und - mit anderen - Verantwortung übernommen. Auf die berufliche Leistungsbilanz seines Vaters schaut er mit allergrößtem Respekt. „Er wusste stets künstlerisch zu überzeugen und hat Freunde gefunden, die ihn bis heute begleiten.“ Und vielleicht wisse der Senior es zudem auch deshalb so zu schätzen, gefeiert zu werden, weil er eben vor Jahresfrist erfahren musste, wie rasch und unversehens man auf die Schattenseite des doch eigentlich so wunderbaren Lebens geraten kann.


Als Jürgen Kern vorübergehend nicht die berühmten Bühnenbretter betreten konnte, sondern das Krankenbett hüten und anschließend das Laufen wieder lernen musste, stand ihm mit Professor Diethard Stoibe erneut ein zuverlässiger Partner zur Seite. Der sprach ihm während der Feier nicht nur neuen Mut zu, sich unbedingt weiter „klassisch zu betätigen“, sondern dankte auch für eine 2000-Euro-Spende zugunsten der Berliner Schlaganfall-Allianz sowie des Zentrums für ambulante Rehabilitation. Der Jubilar hatte seine Gäste gebeten, auf Geschenke an ihn zu verzichten und stattdessen Geld für diese beiden Einrichtungen zu geben. Verbunden mit dem Wunsch, dass „wir alle künftig von Leid verschont bleiben mögen.“
Hartmut Behrsing spielte Posaunenmusik für den Jubilar und seine Gratulanten, und der weithin bekannte sowie überaus geschätzte Schauspieler Peter Bause hielt eine muntere Rede auf Kern, der 1984 mit Bause den „Kontrabass“ auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht hatte. Und der wurde ein Mega-Erfolg, 2000 Mal gespielt. Beide kennen und schätzen sich nun schon bald 60 Jahre, hatten ihre ersten Begegnungen beim Studium. Danach erwarb Kern zunächst Meriten in Fernsehfilmen wie „Der geteilte Himmel“ (1964) sowie Streifen aus den Serien „Der Staatsanwalt hat das Wort“ und „Blaulicht“ und „Polizeiruf 110“  (1972). Doch dann schlug seine große Stunde - er wurde Regie-Meisterschüler von Manfred Wekwerth und Ruth Berghaus am BE.


Nun schauen der gebürtige Chemnitzer und sein Klassik-Ensemble auf den nahenden Sommer. Dann will Regisseur Philip Tiedemann (Berlin) Henrik Ibsens „Peer Gynt“ in der Feldsteinkirche von Koserow zur Aufführung bringen. Und Kern als künstlerischer Leiter des Festivals wäre nicht der erfolgreiche Perfektionist, wenn er darüber schon jetzt in Zweifel ausbrechen würde. „Wir tun alles, dass auch die 22. Spielzeit wieder eine erfolgreiche wird. Weil das Publikum solche Kunst braucht, gerade in schwieriger Zeit. Über anderes müssen wir später sprechen, falls es wirklich notwendig wird. Aber ich hoffe das nicht.“ Unzählige Insel-Freunde der Klassik, wie der frühere Koserower Pastor Winfried Wenzel und Lutz Begrow, die den weiten Weg zur Feier in die Hauptstadt nicht gescheut hatten, hoffen mit ihm. Skepsis mögen andere verbreiten, gerade die aktuelle Krise braucht Mutmacher. Solche wie Jürgen Kern.

 

STEFFEN ADLER

 

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