Ein wahres Schauspielerfest

21 Jun 2019

 Regisseur Philip Tiedemann im Interview: "Kurios und erschütternd zugleich"

 

Berlin/Koserow. Philip Tiedemann, geboren 1969 in Gießen, inszeniert O'Caseys "Juno und der Pfau" in der Kirche Koserow. Es ist die diesjährige Neuproduktion von "Klassik am Meer", die am 4. Juli ihre Premiere erlebt. Ein Gespräch mit dem in Berlin ansässigen Theaterregisseur über seine Biografie, das Stück und seine Arbeitsweise.

 

 

 

 

 



Steffen Adler: Die Liste Ihrer Inszenierungen ist sehr umfangreich, die der Theater reicht von Wien über Graz und Oslo bis Leipzig und Berlin. Täuscht der Eindruck, dass Sie sehr produktiv sind?

Philip Tiedemann: Na ja, für mich gehören Beruf und Berufung zueinander. Und ich fühle mich dem Theater zu 100 % verpflichtet. Dennoch orientiere ich mich daran, drei Produktionen im Jahr zu machen, mitunter wird es etwas mehr. Doch da muss ich aufpassen, dass es nicht  schluderig wird.

Adler: Etliche Brecht-Werke, Lessings Nathan, Tabori und Hochhuth. Die Auswahl der Stücke lässt den Gedanken zu, dass Sie ein sehr politischer Regisseur sind ...

Tiedemann: B.K. Tragelehn, einer meiner Lehrer, hat mal sinngemäß gesagt, dass Theater politisch wird, wenn es das ist. Das kannst Du nicht so einfach machen. Schillers Überzeugung vom Theater als einer Instanz für Moral und Anstand berührt diesen Anspruch, der zugleich Herausforderung ist.

Adler: Ihre künstlerische Karriere hat Sie über Jahrzehnte an verschiedene Stationen geführt. Welche waren für Sie die maßgeblichen?

Tiedemann: Das Wiener Burgtheater ist schon ein Tempel für Kunst und Kultur, etwas Einmaliges, Prägendes. Und dann das Berliner Ensemble, es ist weltweit bekannt und seine großartige Tradition lebt an vielen Orten fort. Beide Instanzen liebe ich besonders und bin ihnen auch als Gastregisseur treu geblieben.

Adler: O'Caseys Stück spielt um 1922 in Dublin. Erzählt es uns heute nur eine spannende Familiengeschichte von damals, oder hat es durchaus sehr aktuelle Bezüge?

Tiedemann: Ich lerne das Stück bei der täglichen Probenarbeit mehr und mehr kennen. Es ist ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, der uns jederzeit etwas zu sagen  hat. Und zwar verblüffend viel zum Sozialen, zu Not, zu Nationalismus und zu Verwerfungen, die heute wieder zu erleben sind. Die Situation damals wie heute ist kurios und erschütternd, man kann staunen und zugleich lachen.

Adler: Lustig und schrecklich zugleich zu sein, das macht neugierig auf die Produktion ...

Tiedemann:  Tatsächlich liegt das Stück am Scheideweg von Tragödie und Komödie. Und es hat einen besonderen, eben typisch irischen Humor. Diese spezielle Art der Lebensbetrachtung zeichnet das Inselvölkchen aus.

Adler: Worauf legen Sie bis zur Premiere noch besonderen Wert?

Tiedemann: Regisseure wirken unterschiedlich. Ich arbeite Schicht um Schicht, fülle die Figuren aus, das kommt der Sache zu gute. Es ist ein wahres Schauspielerfest. Und es macht großen Spaß, mitzuerleben, wie Mimen Menschen vorführen. Der Humor liegt weniger in Pointen und Sketchen als in der Charakterstärke der Figuren.

Adler: Ihre Frau, Krista Birkner, spielt in diesem Sommer die dänische Königin bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen, Sie inszenieren auf Usedom. Finden Sie dennoch gemeinsame Zeit?

Tiedemann: So ist es eben in einer Theaterfamilie. Hin und wieder werden wir uns aber sehen und gegenseitig besuchen, wir haben darin ja Übung.

STEFFEN ADLER

Sean O'Caseys "Juno und der Pfau" mit Peter Bause in der Hauptrolle feiert am


4.7., 19.30 Uhr Premiere in der Kirche Koserow;

 

Weitere Termine im Juli: 5., 18. und 19. Juli;

 

Tickets bei den Insel-Kurverwaltungen, unter Telefon 01805/700 733 sowie unter klassik-am-meer.de und an der Abendkasse ab 18.30 Uhr;

 

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