"Ihr habt das Recht gesittet 'Pfui' zu sagen!" (Johann Wolfgang von Goethe)

Tiefe Betroffenheit und Jubelstürme (OSTSEE-ZEITUNG/Steffen Adler)
Jürgen Kerns Inszenierung von Dürrenmatts "Die Physiker" wird in Koserow gefeiert

Koserow. Die Insel hat ihren künstlerischen Bestseller der Saison 2018! Was die offenbar nicht müde werdende Sonne für die Strandfreaks ist, verkörpern "Die Physiker", neueste Inszenierung des Sommertheaters "Klassik am Meer", für die Liebhaber schöngeistiger, gehaltvoller Unterhaltung. Eine immer wieder ausverkaufte Spielstätte und stürmischer Beifall nach großartigen Aufführungen sprechen für die Qualität.

... Dabei kommt die Komödie nicht nur ausgesprochen unterhaltsam und voller überraschender kleiner Effekte einher, sondern vor allem auch reich an Zeitbezug und Anstiftung zum besorgten Nachdenken. Mit Blick auf die selbstherrlichen Autokraten und machtversessenen, populistischen Rechtspolitiker verwundert es, wie klar und bis heute hoch aktuell die Kernaussagen des berühmt gewordenen Stücks von Friedrich Dürrenmatt schon 1961 aufs Papier und ins Theater gebracht wurden.

Regisseur Jürgen Kern holt die Geschichte auf die von Alexander Martinow geschickt ausstaffierte Bühne der Koserower Kirche. Dabei lässt er dem Stück seine Authentizität, doch wird der Zuschauer das Gefühl nicht los, dass - wenn sich die drei Physiker Newton, Einstein und Möbius um ihre Erkenntnisse und deren Verwendung streiten - der existenzielle Disput im Hier und Heute von Digitalisierung und Globalisierung stattfindet. ... Ein Muss, nicht nur für Theaterfreunde.


Alles, nur nicht oberflächlich (OZ/Steffen Adler)
Das Ensemble Klassik am Meer feiert im Sommer in der Kirche von Koserow sein 20-jähriges Bestehen


Koserow.  "Warte nicht auf bessre Zeiten!" An diese Aufforderung Wolf Biermanns haben sich die Macher anspruchsvollen und zugleich volkstümlichen Theaters zwei Jahrzehnte lang gehalten. In einer Epoche, wo anderswo in deutschen Landen Bühnen personelle Fastenkuren durchlaufen, Strukturen zurecht gespart und  ganze Sparten geschlossen werden, ist das Spiel auf den Brettern der schmalen Kirchenbühne geradezu aufgeblüht. Dem Berliner Brechtianer Jürgen Kern ist es gelungen, mit einem namhaften wie jungen Ensemble engagierter Schauspieler Inszenierungen zum Gesprächsstoff auf Usedom und darüber hinaus zu machen, die in ihrer schlichten Weisheit zu begeistern wussten. ... Das Ensemble bleibt sich immer wieder in der steten Herausforderung treu, Jahr für Jahr mit einer Neuproduktion aufzuwarten. Die Krönung der Jubiläumssaison soll ein großer Theaterball sein.

 

 

Große Dramen in kleiner Kirche (OZ/Henrik Nitzsche)
20 Jahre Klassik am Meer: Ball in der Sporthalle / 70 000 Besucher in 450 Vorstellungen

 

Koserow. Langer Beifall für Jürgen Kern, den Gründer und künstlerischen Leiter von "Klassik am Meer", der maßgeblich an der Erfolgsgeschichte mitgeschrieben hat. 450 Vorstellungen mit 70 000 Besuchern in der fast 800 Jahre alten Feldsteinkirche von Koserow. Allein die Zahlen sprechen für sich.

Das Theaterevent startete nach einer zunächst lediglich bierlaunigen Verständigung zwischen Regisseur und damaligem Pastor am 14. Juli 1999. Nun wurde angemessen gefeiert - im Kreise vieler Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Techniker und Produzenten. "Möglich werden die Theaterabende aber auch durch den Enthusiasmus der Mitarbeiter, die man kaum sieht", lobt Kern das Teamwork.

... Einer der erfolgreichen Mitstreiter ist Theater- und Fernsehschauspieler Peter Bause, der aktuell in den "Physikern" spielt. Den Erfolg von Klassik am Meer beschreibt er so: "Die Zuschauer bekommen hier gute Qualität zu sehen. Und die Stücke werden so erzählt, wie man sie aus der Literaturgeschichte kennt." Von Faust über Nathan bis zum Besuch der alten Dame.

Für die alljährlichen Inszenierungen braucht es Geld für Bühnenbild, Programmhefte und Plakate, für Übernachtungen und Mietkosten, für neue Bühnentechnik. "Ohne Freunde, Förderer und Sponsoren wäre das nie möglich gewesen", lobt Kern.

 

 

Der Zufall als Geburtshelfer des Festivals
Oder: Die Bühne ist kein Museum ("Morgenpost")


Berlin/Koserow. "Ende der 1990er Jahre spazierte ich durch das Ostseebad auf Usedom und entdeckte eine alte Dorfkirche", erinnert sich Regisseur und Festivalleiter Jürgen Kern. Als er dem Pfarrer Winfried Wenzel vorschlug, hier Theater zu spielen, willigte dieser rasch ein. Nur mit der Stückwahl war der Geistliche nicht einverstanden. "Er fand Jedermann zu fromm", lacht Kern. "Ich versprach ihm, dass ich das Stück keinesfalls fromm inszenieren werde, und so wurden wir uns einig."

1999 verkörperte Andreas Schmidt-Schaller den "Jedermann" derart überzeugend, dass sich nach 14 Vorstellungen in Koserow knapp 50 weitere Gastspiele in anderen norddeutschen Städten anschlossen. ... Inzwischen feiert das Festival das 20-jährige Jubiläum, nachdem es ursprünglich den Altarraum nur den einen Sommer in eine Bühne verwandeln wollte.

"Ich glaube, was den Erfolg ausmacht, ist unsere Konsequenz", mutmaßt Kern. "Wir fahren ein klares Konzept, das wir nicht verwässern." Dazu gehört zum einen das Ensemble aus exzellenten Schauspielern, ..., ebenso bedeutsam ist die Stückauswahl. "Auf dem Programm stehen englische, französische und deutsche Klassiker aus dem Barock bis ins 20. Jahrhundert", erklärt Kern, der sich vor rigorosen Strichfassungen keinesfalls scheut. "Wir müssen pragmatisch sein. Die Kirchenbänke sind hat. Dort länger als 90 Minuten zu sitzen, wäre eine Zumutung", lächelt der Regisseur verschmitzt. Antiquiertes Theater ist ihm ohnehin ein Gräuel:  "Die Bühne ist kein Museum!".

"Unterhaltsame Ringelnatz-Kost" (OZ/Cornelia Meerkatz)
Troegner, Winkler und Kern sorgen für ausverkaufte Koserower Kirche


Koserow. "Ringelnatz zieht", sagt der künstlerische Leiter von Klassik am Meer, Jürgen Kern. Und so boten er, die bekannten Schauspieler Wolfgang Winkler und Franziska Troegner sowie der Musiker Hartmut Behrsing beim Ringelnatz-Abend in der ausverkauften Koserower Kirche unterhaltsame Kost. Für ihr Programm "Gnädige Frau, bitte trösten sie mich ..." wurden sie mit herzlichem Beifall belohnt. Die Protagonisten lasen Lebensweisheiten und Gedichte von Ringelnatz. Sie erzählten vom Werdegang des 1883 im sächsischen Wurzen geborenen deutschen Lyrikers, Erzählers und Malers, der 1934 - erst 51-jährig - starb. ... Ringelnatz' Aphorismen sorgen zu gleichen Teilen für Lachsalven und tiefsinniges Nachdenken. Troegner, Winkler und Kern verstanden es mit pathetischem Witz und minimalistischem Spiel, immer wieder den Bogen hin zum weltmännisch-fröhlichen Autor zu schlagen, der seine Gattin "Muschelkalk" nannte und den Menschen heute noch so gut gefällt, und von dem sie so manches Sprüchlein behalten haben, ohne dass sie es einzuordnen wissen. Wie wäre es damit: Eine Jungfrau ist etwas sehr Schönes; vorausgesetzt, sie bleibt es nicht. Wer will, kann aber auch Folgendes ausprobieren: Wenn Du einen Schneck behauchst, kriecht er ins Gehäuse, wenn du ihn in Cognak tauchst, sieht er weiße Mäuse.

 

 


"Vorstellung retten, zur Not mit dem Hubschrauber" (Berliner Zeitung/Andreas Kurtz)
Schauspiel-Promis und hoffnungsvolle Nachwuchstalente spielen erfolgreich gemeinsam Klassiker

Berlin/Koserow. ...Alle Jahre wieder lautet die Idee, dass ein Promi auf dem Plakat für Aufmerksamkeit sorgt. Und das Ensemble besteht dann aus guten Schauspielern aus Berlin und aus jungen Leuten, die Kern selbst aus der Ausbildung kennt. "Der Promi ist nicht nur wichtig fürs Plakat, sondern auch für die anderen im Ensemble. So nach dem Motto: Wenn der mitspielt, kann man da mitmachen."

Andreas Schmidt-Schaller ist definitiv ein Schauspieler alter Schule. Einer, für den dieser Grundsatz gilt: "Egal wie, die Vorstellung muss gerettet werden!". Das war auch so an jenem Tag, als die Ensemblekollegen und die Zuschauer in Koserow auf ihn warteten. "Ich kam von Dreharbeiten. Auf der Autobahn gab es einen Riesenstau. Irgendwann merkte ich: Das war mit dem Auto nicht zu schaffen." Er wusste aber, da kommt gleich ein kleiner Flugplatz. " Also habe ich dort den Hubschrauberpiloten, der sich gerade auf sein Fahrrad schwingen und nach Hause fahren wollte, gefragt, ob er mich nach Koserow fliegen kann." Dafür musste natürlich zunächst eine Genehmigung eingeholt werden. "Und weil ein freier Landeplatz benötigt wurde, musste der Pfarrer die Schafe von der Wiese neben dem Pfarrhaus holen. So landeten wir mit dem Hubschrauber 50 Meter neben der Kirche." Ein Ensemblekollege erwartete Schmidt-Schaller mit dessen Kostüm, und es ging direkt in die Kirche, wo die Vorstellung mit einer halben Stunde Verspätung anfing. Schmidt-Schaller hatte den Flug genossen. "Der war wunderbar. Und aufregend war es auch. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, man könnte das jetzt doch immer so machen."