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Usedomer Publikum feiert „Pension Kästner“

In der Reihe „Klassik am Meer“ kommt die Welt als Theaterstück humorvoll, klug und sehr aktuell auf die Bühne im Kölpinseer Strandhotel „Seerose“.

Kölpinsee. Da ist sie nun, die aktuelle Neuproduktion, ganz und gar verhaftet dem schlauen Kopf eines gebürtigen Sachsen und herum-gekommenen Weltbürgers, dessen Erfahrungen einem außerordentlich bewegten Dreivierteljahrhundert entspringen: Erich Kästner (1899- 1974).

 

Regisseur Philip Tiedemann, Dramaturg Jörg Mihan und Ausstatter Alexander Martynow haben aus der schier unüberschaubaren Fülle Kästnerscher Sätze, Verse und Romane eine phantastische Theaterform entwickelt, deren Umsetzung auf der kleinen Bühne des Bernsteinkeller-saales im Kölpinseer Strandhotel „Seerose“ am Wochenende beinahe euphorisch gefeiert wurde. So viel Zwischen- und Szenenbeifall jedenfalls gab es bisher noch in keinem der Stücke der Klassik- am-Meer-Sommer-Reihe.

 

Freilich, das Publikum muss sich zunächst in das ungewohnte Fremdenzimmer der lebenswandelnden Weisheitenfabulierer begeben und sich von der Suche nach einer Story, einem Handlungsstrang, sich auftuender und zuspitzender Widersprüche verabschieden. Stattdessen gilt: Bitte ganz genau zuhören, auf Gesten und Betonungen achten, sich rhythmischen Parts, gespielt auf insgesamt 14 Instrumenten, hingeben! Wem das gelingt, der wird fündig ohne Unterlass, denn in der Pension der Penner, Verlierer, Hoffenden und Enttäuschten erhält Kästner ausreichend Raum, sich zu entfalten: da ist der Reimer und Aphorismenschreiber, der Moralist und Spaßmacher, der Gesellschaftskritiker und vor allem auch jener, der eine gewisse Ahnung hat vom Leben; der Womanizer, der Verlierer und der scharfsinnige Humanist.

 

Das alles setzen drei Schauspieler (Oliver Seidel, Anatol Käbisch und Henrik Kairies) sowie eine Schauspielerin (Krista Birkner) in so bewunderungs-würdiger Vitalität und Detailgenauigkeit um, dass es eine Freude ist, dem Treiben über knapp zwei Stunden zu folgen. Regisseur Tiedemann hat sie offenbar erfolgreich darauf eingestellt, „sehr exquisit, sehr humorvoll, sehr klug und sehr aktuell!“ zu sein. Und das sind sie, wahrlich; haben sie zwar allesamt weder Namen, noch Funktion, so wird das durch Geistesblitze, vor allem aber eine geradezu überwältigende Musikalität des Ensembles wettgemacht. Da erklingen eine Säge und eine Schreibmaschine, sorgen ein sensationelles Schlagzeug an Bett und Wand, Trompete und Posaune für Klänge vom Allerfeinsten, wird ein Klavier wechselweise liebevoll gestreichelt und heftigst malträtiert. Kästners Überzeugung, die Welt sei ein Theaterstück, transportiert das Ensemble adäquat auf die enge Bühne.

Und: In beiden Programmteilen bringt es die Pension dermaßen intensiv und rhythmisch zum Klingen, dass es nur so kracht. Dass dabei das Spektrum von Abba (Money, Money, Money) bis zu den „Unsterbliche Opfer“ Schostakowitschs reicht, kann man gut aushalten.

 

Es liegt in der Natur der besprochenen Dinge, dass das Publikum lacht und gleich darauf aufstöhnt. Mitunter bleibt dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken, und nur eine halbe Szene später muss er schmunzeln, grienen, jauchzen. Und dann die erschütternde Aktualität etlicher Passagen; ob Inflation und Bankenkrise, Kriegsspielerei und Rüstungswahnsinn, Armut und Reichtum. Für die sich elitär dünkenden deutschen Regierungspolitiker der Gegenwart sollte ein Besuch dieser Inszenierung Pflicht werden.

 

Zu den Premierengästen im restlos ausverkauften Saal zählte auch die Berliner Volksschauspielerin Brigitte Grothum (87). Sie war zum ersten Mal auf die Insel gekommen, um Tiedemanns Arbeit anzuschauen und ihm eine Kästner-Schallplatte namens „Herz auf Taille“ aus dem Jahre 1966 aus ihrem Privatarchiv zu schenken. Darauf spricht sie selbst Kästner-Texte und es ist außerdem der große Literat persönlich zu hören. Von der Premierenvorstellung war sie voll des Lobes: „So wunderbar geistreich und so furchtbar zeitgemäß.“

 

Die vier Mimen auf der Usedomer Bühne spielen übrigens durchweg in heimeligen Schlafanzügen und wärmenden Filzlatschen. Dennoch gerät im Laufe des großartigen Abends nie auch nur ein einziger Kästner-Gedanke zu Kitsch. Alles bedient den Slogan: Mehr Kunst! Mehr Lust! Mehr Mut!

Steffen Adler in der Ostsee-Zeitung vom 11. Juli 2022